Meinungen über Astrid Lindgren  und ihre Selbsteinschätzung

Astrid Lindgren über sich selbst und ihre Arbeit  
Es freut mich immer, wenn ich Briefe von meinen Lesern bekomme; es macht richtig Spaß. Aber manchmal reicht die Zeit einfach nicht aus, alle die vielen Fragen zu beantworten. So habe ich mich entschlossen, einen Lebenslauf zusammenzustellen, der - wie ich hoffe - alle jene Fragen beantwortet.
Fangen wir also ganz von vorn an- mit dem November 1907. In jenem Monat wurde ich nämlich als Kind Nummer zwei des Landwirtes Samuel August Ericsson und seiner Frau Hanna Ericsson, geborene Jonsson, in einem alten, roten Haus, das von Apfelbäumen umgeben ist, geboren.

 Der Hof, den wir bewohnten, hieß Näs - und er heißt heute noch so -, und er liegt ganz in der Nähe einer kleinen Stadt in Smaland, die Vimmerby heißt. Näs ist schon seit dem Jahr 1411 Pfarrhof und ist es noch heute, aber mein Vater war nicht etwa Pfarrer, sondern nur Pfarrhofpächter auf Näs, wie sein Vater vor ihm und sein Sohn nach ihm. In dem roten Haus, das - im 18. Jahrhundert als Pfarrhaus erbaut - im Lauf der Zeit Pächterwohnung geworden war, wurden nach mir noch zwei Kinder geboren. Wir waren also vier Geschwister: Gunnar, Astrid, Stina und Ingegerd, und wir lebten ein glückliches Bullerbü-Leben auf Näs, genau wie die Kinder in den Bullerbü­Büchern. Wir gingen in Vimmerby zur Schule, und es war überhaupt nicht weit dorthin, nur eine Viertelstunde Weg. Mit dem bäuerlichen Leben und auch mit dem Leben in der Kleinstadt war ich so von allem Anfang an ganz vertraut, und die meisten meiner Bücher spielen auch in dieser Umgebung. Im bäuerlichen Milieu die Bullerbü-Bücher, die Bücher von Michel in der Suppenschüssel, von Ramus und dem Landstreicher, die Geschichten in "Klingt meine Linde"; im Kleinstadtmilieu die Bücher von Pippi Langstrumpf, die Bücher mit dem Meisterdetektiv Blomquist, mit Rasmus, Pontus und dem Schwertschlucker, den Kindern aus der Krachmacherstraße, mit Madita.

  Vimmerby

Als ich die Schule hinter mir hatte, kam ich schließlich nach Stockholm und bildete mich zur Sekretärin heran, hatte ein paar Jahre lang eine Stelle in einem Büro, heiratete, bekam zwei Kinder. In Stockholm sind vor allem die Bücher mit Märchenmotiven beheimatet und auch jene Bücher, die sonst irgendwie ,,unrealistisch“ sind, also Karlsson vom Dach. Auch an die der Stadt Stockholm vorgelagerte Inselwelt der Schären habe ich mich herangewagt, aber erst, nachdem ich dreißig Jahre lang Sommer für Sommer dort verbracht hatte: Ferien auf Saltkrokan.

,,Wie haben Sie eigentlich zu schreiben begonnen?“ Das ist eine ständig wiederkehrende Frage, und daher will ich noch einmal davon erzählen. Ich hatte schon sehr frühzeitig beschlossen, niemals irgendwelche Bücher zu schreiben. Vermutlich fassen die Menschen, die nie ein Buch schreiben, gar nicht erst den Entschluss, dies nicht zu tun, aber für mich war es tatsächlich ein Entschluss. In der Schule bekam ich dauernd zu hören: ,Du wirst bestimmt Schriftstellerin, wenn du groß bist“, und bei irgendeiner Gelegenheit wurde ich etwas spöttisch als ,,die Selma Lagerlöf von Vimmerby“ bezeichnet. Ich glaube, das hat mir Angst eingejagt, ich hatte einfach nicht den Mut, es zu versuchen, obwohl ich in meinem innersten Innern sicher fühlte, dass Schreiben Spaß machen müsste. Ich habe jedoch an meinem Entschluss jahrelang festgehalten, und dass ich meine Meinung schließlich doch änderte, das kam so: 1941 lag meine damals siebenjährige Tochter Karin mit Lungenentzündung im Bett. Jeden Abend, wenn ich auf ihrem Bettrand saß, quengelte sie wie alle Kinder: ,,Erzähl mir was!“ Und eines Abends, als ich sie ganz erschöpft fragte: ,,Was soll ich denn erzählen?“, da antwortete sie: ,,Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!“ Sie hatte den Namen just in diesem Augenblick erfunden. Ich fragte sie nicht, wer Pippi Langstrumpf sei, ich fing  einfach an zu erzählen, und da es ein eigenartiger Name war, wurde auch ein eigenartiges Kind daraus. Karin und später auch ihre Spielkameraden, brachten Pippi von Anbeginn eine bemerkenswerte Liebe entgegen. Ich musste immer und immer wieder erzählen, jahrelang. An einem Märztag des Jahres 1944 schneite es in Stockholm, und als ich abends am Vasapark entlangging, lag dort Neuschnee auf dem vereisten Gehsteig. Ich rutschte aus, verstauchte mir den Fuß ganz böse und musste längere Zeit liegen. Um mir etwas Kurzweil zu verschaffen, begann ich, die Pippi-Geschichten im Stenogramm festzuhalten. Ich schreibe auch heute noch alle meine Bücher zunächst in Kurzschrift nieder. Im Mai 1944 sollte Karin ihren 10. Geburtstag feiern, daher setzte ich mir in den Kopf, die Pippi-Geschichten ins reine zu schreiben und meiner Tochter das Manuskript zum Geburtstag zu schenken. Gleichzeitig setzte ich mir in den Kopf, den Durchschlag einem Verlag zu schicken. Nicht etwa, weil ich auch nur eine Sekunde daran glaubte, man werde Pippi in Buchform herausbringen, aber dennoch! Pippi hatte mir selbst recht zugesetzt, und ich erinnere mich, dass mein Brief an den Verlag so endete: ,,In der Hoffnung, dass Sie nicht die Jugendfürsorge alarmieren...“ Nun ja, schließlich hatte ich doch selbst zwei Kinder, und was sollte aus denen werden bei einer Mutter, die solche Bücher schrieb! Genau wie ich es mir vorgestellt hatte, bekam ich das Manuskript zurück, aber in der Zwischenzeit hatte ich ein weiteres Buch geschrieben. Denn nun hatte ich gemerkt, wie viel Spaß das Schreiben macht. Es war ein Mädchenbuch geworden: Britt-Mari erleichtert ihr Herz. Ich schickte es an den Verlag Raben & Sjögren, der 1944 einen Mädchenbuch-Wettbewerb ausgeschrieben hatte. Und das Wunder geschah. Ich erhielt in diesem Wettbewerb den zweiten Preis. Mehr habe ich mich wohl nie gefreut als an jenem späten Herbstabend des Jahres 1944, an dem ich diese Nachricht erhielt. Im folgenden Jahr, 1945, gab es beim selben Verlag einen Wettbewerb für Kinderbücher. Ich schickte das etwas abgeänderte Pippi-Manuskript ein. Und ich bekam den ersten Preis dafür. Die Sache war in Fluss gekommen. Pippi wurde ein Erfolg, obwohl es viele Leute gab, die von dem Buch schockiert und außerdem überzeugt waren, nun würden bald alle Kinder sich wie Pippi gebärden. ,,Kein normales Kind isst bei einem Kaffeekränzchen eine ganze Torte auf“, lautete eine der empörten Zuschriften. Das stimmt. Und welches normale Kind könnte wohl mit gestrecktem Arm ein Pferd hochheben! Aber wer das kann, der kann bestimmt auch eine ganze Torte auf einmal in sich hineinlöffeln. 1946 gab es bei Raben & Sjögren ein neues Preisausschreiben; diesmal ging es um Krimis für Jugendliche. Da schrieb ich den Meisterdetektiv Blomquist und ergatterte einen geteilten ersten Preis. Damit hatte ich zum letztenmal an einem Wettbewerb teilgenommen. Seither habe ich vierunddreißig Bücher geschrieben und außerdem eine Menge Bilderbücher und ein paar Theaterstücke. Auch mehrere Filme habe ich gemacht. In den Jahren 1946 - 1970 leitete ich die Kinderbuchabteilung bei Raben & Siögren. Ich bin seit 1952 Witwe. Meine beiden Kinder sind verheiratet. Und ich habe sieben Enkel.

,,Auszeichnungen“ - auch das ist eine oft gestellte Frage. Ich erhielt 1950 den Nils-Holgersson-Preis des schwedischen Bibliotheksverbandes, 1957 das schwedische Staatsstipendium für große literarische Verdienste, 1958 den Internationalen Jugendbuchpreis, die Hans-Christian-Andersen-Medaille, 1970 den Heffaklumpen der schwedischen Zeitung Expressen sowie das Goldene Schiff der Schwedischen Akademie der Wissenschaften und der Schönen Künste . 1978 erhielt ich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ach ja, der Children‘s Spring Festival Award der New York Herald Tribune 1963 war ja auch noch dabei! Und 1956 der Sonderpreis des Deutschen Jugendbuchpreises. Damit dürfte ich wohl fast alles beantwortet haben, was so an Fragen gestellt wird.

Das heißt, manchmal wird auch gefragt: ,,Was wollen Sie mit Ihren Büchern aussagen? Pippi Langstrumpf - welches Problem wollen Sie damit aufgreifen? Wieweit wirken sich Kinderbücher erzieherisch aus? Wie hat ein gutes Kinderbuch zu sein?“ Und so weiter. Darauf möchte ich nur antworten, ich habe mir nicht das geringste dabei gedacht. Weder bei Pippi noch bei irgendeinem anderen Buch. Ich schreibe, um das Kind in mir selbst zu unterhalten, und ich kann dabei nur hoffen auch anderen Kindern damit ein wenig Spaß zu verschaffen. Ich weiß keine Antwort auf die Fragen, wie ein gutes Kinderbuch zu sein hat. Warum wird nie die Frage laut, wie ein gutes ,,Erwachsenenbuch“ beschaffen sein soll? Ich versuche, wenn ich schreibe, ,,wahr“ im künstlerischen Sinn zu sein - das ist für mich die einzige Richtschnur. ,,Werden Sie von Ihren eigenen Kindern oder Enkeln inspiriert, wenn Sie schreiben?“ wird auch gefragt, und darauf kann ich nur antworten, es gibt kein anderes Kind, das mich inspirieren kann, als das Kind, das ich selbst einmal gewesen bin. Es ist überhaupt nicht nötig, eigene Kinder zu haben, um Kinderbücher schreiben zu können. Man muss nur selbst einmal Kind gewesen sein - und sich so ungefähr daran erinnern, wie das war.

Urteile über Astrid Lindgren und ihr Werk             

 

Werk, Tendenzen, Wirkung. Langanhaltenden Erfolg erzielte L. mit ihren ,,Pippi Langstrumpf“-Büchern, deren erstes 1945 (dt. 1949) herauskam. Das Erscheinen und der Erfolg dieser Bücher fielen mit dem Aufkommen der Ideen einer freieren Erziehung zusammen. L. bemühte sich darin, strikt aus der Perspektive selbständig denkender und handelnder Kinder zu schreiben. Dabei moralisiert und heuchelt sie nicht. Gerade in den ,,Pippi Langstrumpf-Biichern" ist ein antiautoritärer Trend unverkennbar. L. ermöglicht ihren jugendlichen Lesern, einen Teil der Wunschträume in der Fiktion erfüllt zu sehen,  d.h. oft einfach nur zu verfolgen, wie Pippi es den Großen endlich einmal zeigt. Das respektlose, rebellische und freche Superkind Pippi steht den ,,normalen“ Kindern bei einem derartigen Versuch zur Seite. Sie geht gegen die vordergründigen Ruhe- und Ordnungsparolen an. Ihre Phantasie trägt zum ,,Aufschneiden und Zerschneiden aller Beschränkungen und Grenzen“ bei L. TETZNER.  Interessant ist allerdings, dass sich die kindlichen Leser der Bücher L.s dennoch oft mehr mit Pippis Gespielen, mit Thomas und Annika, den Repräsentanten der Wohlanständigkeit, anfreunden als mit der nonkonformistischen Pippi Langstrumpf. Erst auf diesem Umweg nehmen sie an ihren Abenteuern und Erlebnissen teil. L. schildert eine Welt, in der die Kinder- und Phantasiefiguren ein Leben ohne Erwachsene, die ständig bevormunden wollen, leben können. Ihre Gestalten opponieren individuell gegen eine gutgemeinte, strenge Erziehung in konventionellen, oft religiösen Haushalten. Pippi selbst lebt in einer völlig anderen Welt: niemand befiehlt ihr, alles muss sie selber tun; und sie tut es gewissenhaft und völlig selbständig. Man könnte vermuten, dass sie nur deshalb auf die Welt gekommen sei, um E. URYS ,,Nesthäkchen“ und E. VON RHODENS ,,Trotzkopf“ unverblümt die Meinung zu sagen, heißt es bei W. HENSER. L. vermittelt durch Pippi Langstrumpf, dass es darauf ankommt, sich gegen den sekundären Tugendkatalog zu wehren, der sich damit begnügt, Anstand, Ordnung, Zeiteinteilung und andere Äußerlichkeiten zu predigen. Pippi Langstrumpf tritt ihren Kampf unter der Fahne der Freundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren und Benachteiligten an.

Die Bewertung des pädagogischen Effekts der Pippi - Bücher ist kontrovers. Wenn zutrifft, dass ,,Pippi Langstrumpf“ dem kindlichen Leser ermöglicht, auf gestaute und unbefriedigte Aggressionstriebe in harmloser, unschädlicher Weise abzureagieren, so fragt sich, ob dies nur eine Überkompensation von Ohnmachtsgefühlen ist (M. FÜHRER) oder bei den Lesern Kräfte freisetzt, sich tatsächlich erfolgreich mit ihrer nächsten und weiteren Umgebung, z.B. Eltern und Freunden, auseinanderzusetzen. KL. DODERER äußert skeptisch, L.s Bücher wirkten vermutlich eher stabilisierend als verändernd (KL. DODERER, a.a.O. 5. 97). Sie böten eskapistische Auswege, die auch dazu beitragen können, Konfrontationen zu entgehen und die Flucht in Phantasiewelten anzutreten. M. DAHRENDORF beurteilt im Gegensatz dazu die Rolle der Phantasie im Werk L.s positiv. Er sieht in der dargestellten Phantasiewelt eine direkte Antwort auf erfahrbare und erfahrene kindliche Nöte, die nicht einfach konsumierbar sind. Er spricht von einer ,,Demonstration der Macht utopischer Phantasie“ ( M. DAHRENDORF ) L. kritisierte die versagungsvolle Realität durch den beständigen Hinweis auf die Wünsche und Möglichkeiten, die das Lustprinzip verspreche und produziere. Insgesamt, schließt DAHRENDORF, werde L.s Werk durch den Gedanken einer ,,ausgleichenden Gerechtigkeit“ zusammengehalten.

Einem anderen Genre, der Detektivgeschichte für Kinder, wandte L. sich in ihren drei preisgekrönten ,,Kalle Blomquist“- Büchern zu. Sie handeln von Juwelenraub, Mord und Entführung. Allerdings zeichnet L. Kalles Detektivspiel als ,,unreife Kinderei“. An etlichen Stellen kehrt sie die Absurdität des Detektivspielens heraus. Sie verdreht die herkömmlichen Klischees des Detektivromans in ihr Gegenteil. So veranlasst ein Mord in ,,Kalle Blomquist lebt gefährlich“ (1951, dt. 1951) den Detektiv Kalle nicht etwa, die Untersuchung mit Nachdruck aufzunehmen, was er sich in seinen kühnsten Träumen immer wieder ausgemalt hatte, sondern im Gegenteil davon abzulassen. Das Verbrechen, das in den meisten Kriminalgeschichten nur Mittel zum Zweck ist, führt zumindest bei Kalle eine Katharsis herbei. L. entlarvt den Detektivroman mit seinen eigenen Mitteln.

Insbesondere im zweiten Band der ,,Kalle Blomquist“- Geschichten geht es darum zu zeigen, dass ein Verbrechen nicht steril und wertfrei und Anlass für gedankliche Spielereien ist. Aber ebenso wird gezeigt, dass es auch nicht einfach Anlass zu moralischer Entrüstung sein darf. Mit dem gewöhnlichen Detektivroman teilt ,,Kalle Blomquist“ das Wechselspiel von systematischer Beobachtung oder zufälliger Entdeckung und Analyse, der Leidenschaft zur Deduktion, die schon Auguste Dupin, den ersten Helden einer Detektivgeschichte und eines der großen Vorbilder Kalles, auszeichnete. Das Fazit, das man aus L.s Detektivgeschichten ziehen kann, bleibt dennoch lapidar und konventionell: 1. Verbrechen macht sich nicht bezahlt und 2. ehrlich währt am längsten. Dieses sehr einfache Schema korrespondiert mit der stereotypen Konfrontation von ,,heiler‘ ~ der Welt und ,,Schuld“ der Erwachsenen, die ihren Grundtenor der ,,Kalle Blomquist“-Bücher bildet.

L. beschreibt eine Welt abseits von aller Nützlichlichkeitsgebundenheit. Dennoch gibt sie keine romantisierende Verfälschung der Wirklichkeit, immer ist das Leben der Gegenwart mit seinen Ängsten, Nöten und Verirrungen Hintergrund ihrer Geschichten (P.]. SCHINIDLER ). L.s Bücher schlugen — selbst dort noch, wo sie selbst dem Konventionellen sich nähern — eine Bresche in den Moralismus, die Sentimentalität und Süßlichkeit weiter Bereiche herkömmlicher Kinder und Jugendliteratur.

Häufiges Thema ihrer neueren Bücher ist das Fehlen der Geborgenheit und der Anstrengungen, sie wieder herzustellen. Ihre Figuren sind keine Überkinder mehr, sie kennen die Sehnsucht nach dem Vater, den sie vermissen. Einige ihrer Bücher. die in der Großstadt spielen, haben die alltäglichen Probleme der Stadtkinder‘ der Schlüsselkinder, zum Gegenstand. Kinder treten auf, die allein und vereinsamt darauf warten, dass die Eltern von der Arbeit endlich heimkommen und die sich in der Einsamkeit und Verlorenheit einen Spielgefährten wie ,,Nils Karlsson“ ausdenken. Bedrückend ist L.s Schilderung - Lebens des kleinen Bo Vilhelm Olsson‘ genannt Bosse, den die Adoptiveltern nicht lieben, in dem Märchenbuch ,,Mio‘ mein Mio“ (1954; dt. 1955). Bosse träumt sich fort in das ,,Land der Ferne“. Dort, als Sohn des Königs, seines endlich gefundenen Vaters, übernimmt er die Aufgabe, die Gefahr, die durch den grausamen Ritter Kato aus dem ,,Lande außerhalb“ droht, abzuwenden.

Vielfach wurde in ,,Mio‘ mein Mio“ ein Buch gesehen, das sich gegen tyrannischen Machtmissbrauch richtet. Der Ritter Kato ist das Gegenbild zu der nicht minder despotischen Pippi Langstrumpf, die allerdings ein Despot mit guten Absichten ist, und sich am ,,wishful thinking“ orientiert. Pippi zeigte, dass es möglich sein kann, über Macht zu verfügen, ohne sie zu missbrauchen ( E. VON ZWEIGBERGK ). Es ist der Konformismus des Wohlfahrtstaates, der sie aufbegehren lässt.

Erregte Diskussionen entfachte das 1972  erschienene Buch ,,Die Brüder Löwenherz“, das von Elend, Krankheit und Tod handelt, das aber in der  Intention der Autorin dennoch ein ,,Trostbuch‘ ist, obwohl es ein ,,Totenmärchen für Kinder“ genannt wird. Die Interpretationen dieses Werkes schwanken zwischen der Abwehr der Verherrlichung eines zweifachen Kinderselbstmordes auf der einen Seite und der Betonung der Freude über das Glück der Gemeinsamkeit geschwisterlicher Liebe auf der anderen Seite.  

Wiederum ist auch der Kampf gegen Tyrannei Zentralpunkt dieser mythisierenden Erzählung. In ,,Die Brüder Löwenherz“ knüpft L. wieder an eine Tradition an, mit der sie in ,,Pippi Langstrumpf“ gebrochen hatte, der sittlichen. Sie schlüpft in die Rolle des Moralisten (ST. AHLGREN).

Thematisch anders gelagert sind L.s unschuldig-romantisierende Mädchenbücher um Kati‘ die idyllischen Bullerby~Kinderbücher sowie die Bücher um Michel und ihre Photobilderbücher über Kinder aus aller Welt.

Die Popularität L.s in vielen Ländern ist groß.   Zeichen ihrer Beliebtheit sind ebenso die zahlreichen Kinderfilme in Spielfilmlänge, die auf Grund ihrer Bücher gedreht wurden. Als Drehbuchvorlage dienten u.a.: ,,Rasmus und der Landstreicher“, ,,Kalle Blomquist lebt gefährlich“, ,,Michel bringt die Welt in Ordnung“ und ,,Pippi Langstrumpf“. Im Fernsehen liefen Serien nach ,,Die Kinder aus Bullerbü“, ,,Ferien auf der Kräheninsel“ und ,,Michel aus Lönneberga“. Zusätzliche massenmediale Verbreitung finden viele Texte L.s auf Kinderschallplatten und Musikkassetten.

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